Stadtentwicklung: mit Augenmaß und Bürgerbeteiligung

Gießen ist eine wachsende Stadt, in der es keinen Stillstand geben wird. In der Vergangenheit hat die Stadtentwicklung die Gemüter oftmals erhitzt: Die Gestaltung des Marktplatzes ist nur ein Beispiel, wie man solche Projekte nicht angehen darf. Ich weiß aber auch,  dass es nicht einfach ist, als politisch Verantwortliche eine Stadt weiterzuentwickeln, denn dieser Weg ist regelmäßig von unterschiedlichen Interessen und Perspektiven und damit von Spannungen und Konflikten geprägt.

Mein Leitbild ist die „kompakte Stadt“, unkontrolliertes Wachstum in den Außenbereichen ist wenig nachhaltig, verbraucht unnötig Ressourcen, schwächt die Innenstadt. Deshalb setze ich besonders auf die Entwicklung freier Flächen im Innenbereich. Diese „Innenverdichtung“ bewirkt, dass vor allem innerstädtische Brachen bebaut werden. Die innerstädtische Verdichtung hat manchmal zur Folge, dass  Bürgerinnen und Bürger gegen die Veränderung ihres näheren Wohnumfeldes protestieren. Solche Konflikte sind verständlich und sie sind auflösbar, wenn alle Seiten mit der Bereitschaft zu Dialog und Kompromiss aufeinander zugehen.  

Gießen boomt. Wir haben mittlerweile über 80.000 Einwohner und ich freue mich über alle, die nach Gießen ziehen - auch weil dies bedeutet, dass wir unsere gute Infrastruktur erhalten, verbessern  und gegebenenfalls sogar weiter ausbauen können, während andere Kommunen aufgrund des demographischen Wandels schwer zu kämpfen haben und Standards abbauen müssen. Aber die vielen neuen Menschen in unserer Stadt benötigen Wohnraum, zusätzlichen Wohnraum, der geschaffen werden muss. Die Alternative zur Innenverdichtung wäre die Erschließung neuer Baugebiete am Rand, also ein Eingriff in „unberührte“ Natur. Dagegen spricht vieles, zumal der Trend eindeutig zum Innenstadtwohnen geht.  Genau vor dem Hintergrund, dass „Wohnen in der Stadt“ Trend ist, gilt es, auch innerstädtische Grün- und Erholungsflächen zu erhalten. Sie gehören zur Lebensqualität. Mit der Erneuerung der Wieseckaue durch die Landesgartenschau steht uns allen nun für viele Jahre ein Bürgerpark zur Verfügung, der seinen Namen verdient. Aber auch andere Rückzugsorte, wie z.B.  der Botanische Garten und die Lahn, laden zum Verweilen ein.

Sicherlich ist die Frage berechtigt, ob bei all den vielen, oft – aber nicht immer - investorengestützten Bautätigkeiten in unserer Stadt auch weiterhin für einkommensschwache Menschen und Familien Wohnraum zur Verfügung steht. Mein Anspruch ist, für diejenigen, die preisgünstigen Wohnraum brauchen, Angebote bereitzuhalten und mit der Wohnbau Gießen GmbH haben wir eine städtische Tochter an unserer Seite, die genau diesen Auftrag sehr ernst nimmt und erfüllt:  Mit über 7.000 Wohnungen, ihrem satzungsgemäßen Auftrag, die Gießener Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen, und der beispielgebenden Mietermitbestimmung haben wir in der Stadt eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, die viel stärker und aktiver ist als in anderen Städten. Darauf bin ich sehr stolz. Es gibt aber auch eine Vielzahl anderer Akteure, die sich in diesem Feld engagieren und deshalb habe ich  den Prozess zur Erstellung eines  Wohnraumversorgungskonzeptes und eines Leitbildes soziales Wohnen angestoßen, in dem wir uns – alle Beteiligten in unserer Stadt – auf Ziele und Wege für den Bereich der Wohnraumversorgung verständigen werden. Ich sage aber auch: Wir brauchen auch mittel- und hochpreisigen Wohnraum. Wir brauchen eine gute Durchmischung unserer Bevölkerung. Denn nur, wenn wir auch für diese Bevölkerungsgruppen attraktiv sind, können wir in Zukunft  unsere öffentliche Infrastruktur (Kinderbetreuung, Schullandschaft, kulturelle Angebote, u.V.m.) aufrechterhalten und diejenigen, die auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind, bestmöglich begleiten.

Ich bin sehr froh, dass Gießen neben dem starken Rhein-Main-Gebiet eine der wenigen Kommunen ist, in die von privater Seite investiert wird. Das heißt ausdrücklich nicht, dass die öffentliche Hand einfach das „abnickt“, was Investoren wünschen. Das heißt, dass auch die (Bau)Wirtschaft Gießen als zukunftsfähig ansieht. Gießen ist eine Stadt mit Zukunft; nicht nur hinsichtlich des Baus von zusätzlichem Wohnraum.

Denn nicht nur diese bzw. die Frage der Wohnungsversorgung ist eine der zukünftigen Stadtentwicklung. Gerade auch die Gestaltung des öffentlichen Raumes ist von zentraler Bedeutung für Gießens  Lebensqualität  und  Zukunftsfähigkeit.  Hier wurde in den letzten Jahren viel erreicht: Der Bau des Christoph-Rübsamen-Stegs, der Nord- und Weststadt nun endlich miteinander verbindet, der Platz an der THM, der den Zugang zur Wieseckaue öffnet, neue Plätze an der Lahn, die den Fluss neu erlebbar machen, und nicht zuletzt die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die Barrierefreiheit hergestellt und den Bahnhof zu einem modernen Verkehrsknotenpunkt entwickelt hat. Dies und vieles mehr ist nicht zuletzt durch die Landesgartenschau ermöglicht worden und hat zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität in unserer Stadt geführt.

Die Zukunft der Stadtentwicklung wird weiterhin von der Frage geprägt sein, welche Entwicklung unsere Stadt „verkraften“ kann.  Denn mit jeder Baumaßnahme gehen Verkehrszuwächse, Lärm und vieles mehr einher. Hier gilt es, Strukturen weiterzuentwickeln, die eine Kommunikation zwischen Bürgerschaft, Politik/Verwaltung und auch Investoren sicherstellt. Gießenerinnen und Gießener sind unmittelbar von solchen Maßnahmen betroffen. Sie müssen deshalb eine Stimme haben. Ich sage aber auch: Letztlich entscheidet Politik im Sinne der Gesamtverantwortung für unsere Stadt. Die zentrale Frage für mich ist aber: Wie gelangt Politik zu ihrer Meinungsfindung und wie kann man die Bürgerschaft in diesen Prozess einbeziehen.